Effectuation – die Mittel bestimmen den Weg und das Ziel

Effectuation

Stellen Sie sich vor, Sie haben vier Wochen Urlaub, ein Auto und ein Budget von 2.000 Euro. Da Sie ganz und gar nicht der Pauschalreisen-Typ sind, beschließen Sie, das Beste aus den vorhandenen Mitteln zu machen. Also starten Sie einfach los in Richtung Süden – alleine und ohne genaues Ziel. So etwas haben Sie noch nie zuvor ausprobiert, Sie wissen also gar nicht so genau, was Sie erwartet. Nach wenigen Tagen lernen Sie zwei andere Reisende kennen und freunden sich spontan mit ihnen an. Man beschließt, fortan zusammen weiterzufahren, wodurch sich das Budget um 3.000 Euro erhöht. Dadurch eröffnen sich für die nun gemeinsame Unternehmung zusätzliche Möglichkeiten …

Überträgt man diese mittelorientierte Vorgehensweise, in der aus Ressourcen Handlungsoptionen abgeleitet werden, auf unternehmerisches Handeln, so spricht man heute von „Effectuation“. Im Gegensatz zum klassischen Projektmanagement etwa werden hierbei keine Ziele definiert, sondern diese ergeben sich erst aus dem Prozess an sich heraus.

Zukunft steuernd beeinflussen und gestalten

Der Begriff „Effectuation“ stammt aus der Entrepreneurship-Forschung und wurde vor rund 20 Jahren von der Kognitionswissenschaftlerin Professor Saras D. Sarasvathy entwickelt. Beschrieben wird damit eine Entscheidungslogik („Planen ohne Plan“), die zunächst einmal auf der Annahme beruht, dass in bestimmten Szenarien keine verlässlichen Marktprognosen getroffen werden können und Unternehmer entsprechend oft unter Ungewissheit entscheiden und handeln müssen. Dies ist der Fall bei:

  • Einführung eines neuen Produkts in einem neuen Markt
  • Einführung eines neuen Produkts in einem etablierten Markt
  • Einführung einen etablierten Produkts in einem neuen Markt

Effectuation geht nun davon aus, dass all das, was wir steuernd beeinflussen und gestalten können, nicht vorhergesagt werden braucht. Statt in solchen Situationen der Ungewissheit also die Flinte ins Korn zu werfen, greifen erfahrene Unternehmer auf Effectuation zurück und setzen neue Ideen auf Basis einfacher Faustregeln um, um diese zu testen. Und zwar seit jeher. Denn wie in empirischen Studien hinlänglich belegt werden konnte, ist nur der Begriff neu, die Handlungsweise hingegen schon lange etabliert.

Die vier zentralen Prinzipien von Effectuation

Effectuation ist somit zu verstehen als eine eigenständige Logik des Entscheidens und Handelns, die uns in die Lage versetzt, eine Zukunft gerade dann aktiv zu gestalten, wenn aufgrund eines unsicheren Umfeldes keine exakten Planungen möglich sind. Die Methode beruht auf den folgenden vier Prinzipien:

  1. Prinzip der Mittelorientierung

    Im Falle von Effectuation geben die verfügbaren Ressourcen den Weg vor und zeigen auf, was möglich ist. Wer ich bin, was ich weiß und wen ich kenne bestimmt, welche (veränderlichen) Ziele erreichbar sind.

  2. Prinzip des leistbaren Verlustes

    Statt am erwarteten Ertrag orientiert sich Effectuation am leistbaren Einsatz bzw. an verschmerzbaren Verlusten. Es werden also nur die diejenigen Schritte getätigt und ausprobiert, die im Falle des Scheiterns keine sofortige Handlungsunfähigkeit bedeuten.

  3. Prinzip der Umstände und Zufälle

    Statt per konsequenter Planverfolgung Hindernissen aus dem Weg zu gehen, nutzt Effectuation Zufälle und unerwartete Umstände gegebenenfalls als Chancen. Dies kann wie beim Potenzmittel Viagra, das ursprünglich als Bluthochdruckmittel entwickelt wurde, zu innovativen Produkten o. ä. führen.

  4. Prinzip der Partnerschaften

    Effectuation geht Partnerschaften mit denjenigen ein, die sich unter Ungewissheit bereiterklären, verbindliche Vereinbarungen zu treffen und von Beginn an eigene Mittel in den Prozess einzubringen.

Methode für das agile Projektmanagement

Zusammengefasst ist Effectuation also ein Framework unternehmerischen Denkens und Handelns, welches nach Maßgabe verfügbarer Mittel und Ressourcen keine idealen, sondern jeweils nur machbare Lösungen fokussiert. Bei überschaubarem Risiko können auf diese Weise aus vagen Ideen neue Produkte, Dienstleistungen, Problemlösungen etc. entstehen. Augenfällig ist dabei die inhaltliche Nähe zum agilen Projektmanagement mit seiner flexiblen Arbeitsweise, der zyklischen Zielannäherung und den flachen Hierarchien: Auch dort will man Ziele erreichen, die anfangs noch nicht klar umrissen und zunächst nur in Form einer Vision beschrieben sind. Insofern zeichnet sich im agilen Projektmanagement ein potenzielles Einsatzgebiet für Effectuation als Methode ab. x